Ittinger Himmelsmeditationen 2020

Ein weiter Himmel breitet sich aus über uns. Der Regenbogen als Zeichen des Bundes, den Gott mit uns Menschen und allen Lebenwesen schliesst (1. Mose 9). Unter diesem Himmelszeichen kann unser Leben aufblühen, wachsen und gedeihen.

Verschiedene Aspekte des Himmels werden in den öffentlichen, geführten Meditationen aufgenommen und vertieft, die von Thomas Bachofner, Leiter tecum geleitet werden.

Auf dieser Seite können Sie mitmeditieren - oder kommen Sie selber einmal am zweiten Mittwoch im Monat in die Kartause und nehmen Sie persönlich teil. Sie sind jederzeit herzlich willkommen (Beginn um 17.30 Uhr und 18.30 Uhr, Besammlung vor dem Eingang zur Klosterkirche).

Januar: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und die Erde war wüst und öde,
und Finsternis lag auf der Urflut,
und der Geist Gottes bewegte sich
über dem Wasser.
Da sprach Gott: Es werde Licht!
Und es wurde Licht.
(1. Mose 1, 1 – 3)


Am Anfang war nichts.
Nur Stille. Und Dunkelheit.
Weite. Leere. Nichts.

Dann lässt Gott Himmel und Erde entstehen.
Es soll etwas geben ausser ihm.
Festen Boden. Wüste und Wasser.
Darüber ein weiter Himmel.
Und der Geist. Gottes kreative Energie.
Ein Lichtfunken erhellt die Finsternis.
Ein Geistesblitz leuchtet auf.

Lichtfunken und Geistesblitze.
Von Gott her.
Auch in meinem Leben.
In meiner Dunkelheit.
In meinen Fragen.
In meiner Wüste.
In meinem inneren Chaos.
Lebensspuren.
Hoffnung keimt auf
unter einem weiten Himmel.

Februar: Regenbogen - Zeichen am Himmel

Dann sprach Gott zu Noah:
Meinen Bogen stelle ich in die Wolken.
Ich schliesse einen Bund mit dir
und allen Lebewesen.
(1. Mose 9, 13)


Nach der grossen Flut -
Wie weiter?
Nach dem Chaos und der Zerstörung -
Gibt es je wieder Sicherheit und Geborgenheit?  

Da setzt Gott ein Zeichen.
Er stellt einen Regenbogen in die Wolken.
Zwei unterschiedliche Elemente treffen aufeinander:
Licht und Wasser.
Leuchtender Sonnenstrahl.
Im Regentropfen gespiegelt und gebrochen.
Verwandelt in ein wunderbares Farbenspiel.

Der Regenbogen am Himmelszelt.
Gott singt uns zu:
Ich verbinde mich mit euch Menschen.
Ich stehe zu euch.
Wir gehören zusammen.
Für immer müssen die Chaosmächte schweigen.
Himmel und Erde – Gott und Mensch – für immer verbunden.

Ich stehe unter deinem Bogen.
Mein Leben blüht auf.

März: Turmbau zu Babel

Die Bewohner der Erde sprachen:
Auf, wir wollen eine Stadt bauen und einen Turm,
dessen Spitze bis an den Himmel reicht,
und uns so einen Namen machen.
(1. Mose 11, 4)


Himmelsstrebsamer Turm,
eine architektonische Meisterleistung,
menschlicher Grössenwahn.
Kollektive Verbrüderung.
Alles ist möglich, wenn wir zusammenhalten
und uns einer Ordnung unterstellen.
Immer mehr, immer grösser, immer schneller.
Imposante Bauwerke, eine hochentwickelte Zivilisation,
Kunst, Kultur, Wohlstand, Frieden.
Wir machen uns einen Namen.
Noch in Tausenden von Jahren wird man von uns reden.

Aber dann: Verwirrung greift um sich.
Was machen wir da eigentlich?
Wozu schuften wir uns zu Tode?
Was will mir der andere sagen?
Panik breitet sich aus.
Jeder sucht nur noch das Seine.
Alle gegen alle.
Die Bäume wachsen doch nicht bis in den Himmel.
Das Kartenhaus fällt in sich zusammen.

Kein Feuer vom Himmel.
Kein zorniges Eingreifen einer Gottheit.
Die blosse Berührung der Zungen
lässt die Seifenblasen menschlicher Grosstuerei platzen.

Was nun? Wie weiter?
Wo ist mein Platz?
Wohin soll ich gehen?
Wo kann ich aufblühen?
Was will ich aufbauen?

Und was ist mit Gott?
Wir werden ihn nicht los,
indem wir ihn in den Himmel verbannen.
Geben wir ihm seinen Platz auf der Erde?
Soll unser oder sein Name gross werden?

April: Sterne am Nachthimmel

Gott führte Abraham nach draussen und sprach:
Blicke auf zum Himmel und zähle die Sterne,
wenn du sie zählen kannst.
So werden deine Nachkommen sein.
Und Abraham glaubte dem Herrn,
und das rechnete er ihm als Gerechtigkeit an.
(1. Mose 15, 5 und 6)


Eine sternenklare Nacht.
Der funkelnde Sirius, Orion und der grosse Wagen.
Das stille Band der Milchstrasse.
Eine unzählige Schar von Sternen.
So zahlreich werden deine Nachkommen sein, sagt Gott.

Kaum zu glauben.
Nicht einmal einen Sohn habe ich.
Kein Nachfolger ist in Sicht.

Was für eine verrückte Idee!
Soll ich lachen?
Oder traurig sein?
Nimmt mich Gott nicht ernst?

Oder soll ich einfach darüber staunen,
dass ich noch nicht ans Ende gelangt bin?
Dass noch etwas Grosses auf mich zukommt im Leben?

Das Leben ist noch nicht abgeschlossen.
Der letzte Vorhang ist noch nicht gefallen.
Bei Gott kann alles ganz anders werden.
Das letzte Wort liegt bei ihm.

Ich glaube, dass es so ist.
Und lasse mich überraschen.

Mai: Die Himmelsleiter

Jakob hatte einen Traum:
Da stand eine Treppe auf der Erde,
und ihre Spitze reichte bis an den Himmel.
Und Boten Gottes stiegen auf ihr hinan und herab.
Jakob erwachte aus seinem Schlaf und sagte:
Wirklich, der HERR ist an diesem Ort
und ich wusste es nicht.
(aus 1. Mose 28)


Was für eine goldene Gelegenheit.
Ich konnte einfach nicht widerstehen.
Mit einem Trick habe ich meinem Bruder
das Erstgeburtsrecht abgeluchst.
Ich kam mir so clever vor.
Aber eigentlich habe ich den Ast abgesägt,
auf dem ich sass.
Mir blieb nur die Flucht,
um meine nackte Haut
vor dem Zorn des Bruders zu retten.

Es gibt keinen Weg zurück.
Und vor mir liegt eine ungewisse Zukunft.
Ich hab’s verbockt.
Nun bin ich ganz allein.

Oder etwa doch nicht?
Im Traum öffnet sich der Himmel.
Eine Leiter reicht von der Erde bis zum Himmel,
verbindet Himmel und Erde.
Engel steigen auf der Leiter hinauf und hinab.

Gott sieht mich.
Ich kann es kaum glauben:
Statt Tadel spricht er ein segnendes Wort
in mein Leben hinein.
Wirklich, der Herr ist an diesem Ort.
Nun weiss ich es.
Er stellt sich an meine Seite,
stärkt mir den Rücken
und gibt mir die Kraft zum Weitergehen.
Mein tastender Fuss merkt:
die Brücke ins neue Land trägt.

Juni: Taufe Jesus - Der Himmel teilt sich

Jesus liess sich von Johannes im Jordan taufen.
Als er aus dem Wasser stieg, sah er den Himmel sich teilen
und den Geist wie ein Taube auf sich herabsteigen.
Und eine Stimme kam aus dem Himmel:
du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.
(Markus 1, 9-11)


Johannes staunt:
Die Taufe ist viel mehr als ich dachte.
Nicht nur eine persönliche Neuausrichtung.
Nicht nur eine Abkehr von alten Wegen, die in Sackgassen führen.

Jetzt weiss ich, worum es bei der Taufe wirklich geht.
Der Schleier ist weg.
Das, was sonst verborgen ist, wird sichtbar.

Der Himmel teilt sich.
Wie das rote Meer, durch das das flüchtende Volk Israel
trockenen Fusses in die Freiheit gehen konnte.

Der Geist kommt wie eine Taube aus dem Himmel herab.
Beflügelt und beglückt.

Die Stimme vom Himmel.
Eine innere Gewissheit breitet sich in mir aus.
Ich bin ein Kind des Höchsten.
Geliebt und angenommen.
Nicht nur geduldet.
Ich muss nicht ständig um meine Daseinsberechtigung kämpfen.
Ich muss keine Angst haben, dass ich jederzeit meinen Status verlieren könnte.
Der himmlische Vater freut sich über mich.

All das leuchtet auf in der Taufe.
Ich lebe unter einem offenen Himmel.
Ich atme auf.

Juli: Das himmlische Senfkorn

Das Reich Gottes ist wie ein Senfkorn,
das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden,
das in die Erde gesät wird.
Ist es gesät, geht es auf
und wird grösser als alle anderen Gewächse
und treibt so grosse Zweige,
dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können.
(Markus 4, 30 bis 32)


Wie kommt Gott in diese Welt?
Nicht mit Pauken und Trompeten.
Ganz klein und unscheinbar fängt es an.
Die meisten übersehen es.
Wie ein kleines Pflänzchen am Wegrand,
das vertrampelt werden kann.

Es braucht einen achtsamen Umgang mit dem Senfkorn.
Hegen und pflegen, schützen und bewahren.
Und warten können, bis etwas gewachsen ist.
Aber das Dranbleiben lohnt sich.
Schliesslich stehen wir staunend vor der Pflanze,
die sich zum Himmel streckt.
Da ist ein Raum zum Leben,
schützender Schatten,
ein Nest für die Vögel des Himmels.

Wo ist das himmlische Senfkorn in mir?
Was ist schon gewachsen?
Was ist noch verborgen?
Was will in mir noch weiter wachsen?

August - Schatz im Himmel

‚Was muss ich Gutes tun, um ewiges Leben zu erlangen?‘
(Matthäus 19,16)

So fragte einer, der zu Jesus kommt.
Einen Platz an der Sonne will ich.
Nicht nur in diesem Leben.
Nein, auch im Himmel will ich mir meinen Platz sichern.

Willst du vollkommen sein, so geh, verkaufe deinen Besitz und gib ihn den Armen,
und du wirst einen Schatz im Himmel haben,
und komm und folge mir!
(Matthäus 19, 21)

Den Himmel kann man sich nicht verdienen.
Kein himmlisches Punktekonto, auf dem alle meine guten Taten gespeichert werden.
Nicht anhäufen, sondern loslassen.
Durch das Weggeben, durch das Verschenken werden meine Hände und mein Herz frei.
Frei für die anderen.
Frei um mich auf neue Wege einzulassen mit Jesus.

Reisen mit leichtem Gepäck.
Nicht Dinge anhäufen.
Keinen riesigen Rucksack mitschleppen.
Ein einfacher Pilger sein.
In einer Herberge Unterschlupf finden.
Offen sein für überraschende Begegnungen.
Für kleine Kostbarkeiten am Wegrand.
Für das, war mir zufälligerweise zu fällt.

Sich beschenkt fühlen – von Menschen und von Gott.
Ein innerer Schatz, den ich nicht verlieren kann.
Der zu mir gehört.
Auch im Himmel.

September: Der Himmel ist in dir

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist
und wohin fliehen vor deinem Angesicht?
Stiege ich hinauf zum Himmel, du bist dort,
und schlüge ich mein Lager auf im Totenreich,
sieh, du bist da. (Psalm 139, 7 und 8)


Heute fragen sich viele: Wo ist der Himmel?
Wo ist Gott?
Sicher nicht hier auf der Erde.
Soviel läuft hier aus dem Ruder.
Die Erde – gottlos.
Die Menschen – hoffnungslos.

Vor langer Zeit versucht einer vergeblich, sich eine Welt ohne Gott vorzustellen.
Er fragt: Wo ist Gott nicht!?
Im Himmel über uns.
Im Leben mitten unter uns.
An den Rändern des Lebens im Sterben und im Tod.
Nichts kann uns trennen von Gott.
Auch wenn wir vor ihm fliehen, er ist da.
Die Luft, die mich umgibt.
Das Blut, das durch meine Adern fliesst.
Ich in ihm.
Wie ein Fisch im Wasser.
Wie ein Vogel in der Luft.
In dir bin ich ganz in meinem Element.
Ich in dir.
Du in mir.

«Wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir!»
(A. Silesius)