Wir werden eingetaucht...

…bis auf die Herzhaut

Schon über 50 Tage Corona-(Aus-)Zeit. Die Regeln sind zur Gewohnheit geworden. So viel mehr Zeit mit der Familie verbringen ist schön und anstrengend, herausfordernd und beglückend. Die Bedrohung ist noch da, aber ein wenig kleiner und etwas in den Hintergrund gerückt. Und ich nehme noch etwas ganz anderes wahr – zumindest bei mir. Hilde Domin* hat es in einem ihrer Gedichte treffend beschrieben:

Wir werden eingetaucht
und mit den Wassern der Sintflut gewaschen
Wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut

Ja, dieser Virus hat mich getroffen. Ich bin zwar kerngesund, aber ich wurde eingetaucht, gewaschen und durchnässt. Meine Herzhaut ist dünner geworden oder durchlässiger. Vielleicht, weil das Tempo des Alltags etwas langsamer ist, oder weil sich das Leben in diesen Tagen fragiler anfühlt. Vielleicht auch, weil sich deutlicher zeigt, was mir wichtig ist. Natürlich gibt es auch die Stimme in mir, die beschwichtigt und auf die Seite schiebt. Doch eigentlich will ich mich dem aussetzen, hineinspüren und schauen, was daraus entstehen könnte. Ein Jesuit hat mir mal gesagt: ‘Wie denn sonst, wenn nicht durch dein Inneres kann Gott sprechen?’ Eine dünne Herzhaut kann für den Geist Gottes und sein Reden durchlässiger sein. Das hat gar nichts mit Schwärmerei oder grossen Gefühlen zu tun. Vielmehr geht es darum, bei mir und auch bei anderen genau hinzuhören und dabei Befürchtungen und Ängste, Freude und Leidenschaft wahrzunehmen. Und es gilt auf das Werben und Reden des Geistes zu achten und mich dadurch auf Ihn einzulassen.

Auch wenn dann die Zeit mit Corona vorbei ist, möchte ich sie mir gerne noch etwas bewahren – diese dünnere, durchlässigere Herzhaut. Und ich möchte dabei nicht vergessen, dass nach der Sintflut immer der Regenbogen am Himmel steht. Oder wie Domin sagt:

Es taugt die Bitte
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
dass die Frucht so bunt wie die Blume sei
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden

* Hilde Domin: Gesammelte Gedichte, 1987

 

9. Mai 2020 Cathrin Legler